#1: Wenn Opa durch die Küche tanzt

…Ausschnitt aus „Das ICH in mir oder wer ist Georg?“ Tatjana Weiler, Verlag tredition

Cover

 

Wenn Opa durch Küche tanzt 

Wenn Opa durch die Küche tanzt

…dann tanze ich mit ihm im Walzertakt

 

Wenn Opa verzauberte Burgen und Schlösser sieht

…dann erkunden wir sie in Ritterrüstung gemeinsam

 

Wenn Opa seine Brille im Geschirrspüler verstaut,

…dann finde ich sie blitzblank gewaschen mit ihm nach dem Waschgang wieder und wir rufen laut: Willkommen in der Brillenwaschstraße!

 

Wenn Opa mit den Hausschuhen zum Bus spaziert,

…dann marschier ich in Gummistiefeln bei Sonnenschein Schritt für Schritt an seiner Seite mit.

 

Wenn Opa plötzlich Englisch spricht,

…dann unterhalten wir zwei uns köstlich bei einer Tasse Tee über this und that und very nice to see you again.

 

Wenn Opa den Braten mit Löffel ist und Eis mit der Gabel, 

…dann mach ich es ihm gleich und kichre: „Warum nicht schon früher!“

 

Wenn Opa die Toilette nicht findet und stattdessen im Garten den Apfelbaum gießt,

…dann stell ich fest, welch ein Glück – endlich Regen! Hol meine Gießkanne und gieße das Bäumchen noch ein bisschen mehr.

 

Wenn Opa am Abend fröhlich mit der Frau im Fernseher spricht,

…dann winken wir ihr gemeinsam und lachen bis um acht.

 

Wenn Opa im Liegestuhl in der Sonne liegt und plötzlich dicke Tränen weint,

…dann setz ich mich auf seinen Schoß, umarm ihn fest und wir warten zusammen, bis die Wärme der Sonne auch die letzte Träne getrocknet hat.

 

Wenn Opa an der Kassa zu singen beginnt,

…dann nehm ich seine Hand und wir trällern den wunderschönsten Kanon zu zweit.

 

Manche Leute nennen meinen Opa komisch, eigenartig oder seltsam. Manche meinen, er ist nicht ganz gesund, weil er so viel vergisst. 

Da hab ich mich gewundert und ihn gefragt, ob er Schmerzen hat im Kopf. 

Welcher Kopf?“ hat Opa da gefragt, sich mit Mütze und Handschuhen neben den Kachelofen gesetzt und mit mir gemeinsam auf den Schneesturm gewartet.

Vergessen tut nicht weh, es macht nur anders und anders sein ist ok. Es macht uns alle zusammen geduldig und lachen, erfinderisch, langsamer und manches Mal auch fest verzweifeln.

Mein Opa hat mir viel gelernt und meine Welt bunt gemacht. Er hat mich gelehrt, Pläne geplant auf später zu verschieben, um stattdessen jeden Tag für sich – voll und ganz und mit allen Gefühlen – zu leben…

Danke Opa, für die Schlösser, die Tänze, den Tratsch mit Tee und für all die Farbe, die du in meine Welt gemalt hast!

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